Dr. S. Masunaga nennt das von ihm gelehrte Shiatsu Zen-Shiatsu. Zen-Shiatsu wird auch an unserer Schule unterrichtet. In meiner Diplomarbeit beleuchte ich, inspiriert durch meine eigenen Erfahrungen (die in jedem einzelnen Kapitel niedergeschrieben sind), den Zen-Geist, der hinter Masunagas Shiatsuphilosophie steht.
Ich glaube, dass die Gegebenheit unserer Existenz eine spirituelle Gegebenheit ist. Mit Spirituell-Sein verbinde ich die Neugierde, mehr über mich selbst zu erfahren und mir meine Identität anzuschauen. Die Praxis des Zen und das Ausüben von Shiatsu helfen mir dabei. Alles im Leben kann spirituelle Praxis sein, wenn es mit Achtsamkeit getan wird und so hat Shiatsu durchaus Parallelen zu meinen Zen-Erfahrungen als Schülerin des Soto-Zen.
Erste Gemeinsamkeiten ergeben sich einerseits aus ihrem kulturellen Hintergrund und andererseits in der Möglichkeit einer Seins-Erfahrung, die über den Intellekt hinausgeht. Das Geben von Shiatsu kann wie Meditation sein, da es uns selbst mit einschließt und uns dabei hilft, genauer hinzusehen, wie wir sind. Es führt uns in die eigene Tiefe, außerhalb von Zeit und Raum, durch die Verbindung von Herz zu Herz.
Der Zen Buddhismus prägt bis heute die japanische Kultur in hohem Maße, denn vieles ist dort von Zen beeinflusst: das Blumenstecken, Bogenschießen aber auch die Kampfkünste. Die Kämpfer fanden seit jeher im Zen ihren Seelenfrieden und einen ruhigen Geist. Shiatsu ist also eingebettet in eine alte, kulturelle Tradition und stellt so für den Behandler wie für den Klienten einen Übungsweg dar, um in die eigene Mitte zu finden.
Zen und Shiatsu sind im Laufe der Jahre durch viele Nationen und Kulturen gewandert. Bei beiden Richtungen geht es ganz wesentlich darum, nicht die Tradition zu verehren, sondern den Samen daraus, um diesen von meiner Seele zu deiner Seele fruchtbar werden zu lassen.
Die Essenz des Soto-Zen ist das Zazen. Za bedeutet sitzen und Zen „Meditation, Konzentration, Versenkung“. Stellen wir die Silbe Zen vor Shiatsu, so ergibt sich Zen-Shiatsu, Meditatives, Konzentriertes Shiatsu. Durch diese tiefe Versenkung begünstigen wir eine positive Wirkung auf Körper und Geist und dies führt Geber und Empfänger zurück zu ihrem normalen Zustand, zu ihrer Buddhanatur (ursprünglichen Natur).
Zen ist ganz wesentlich eine Erfahrung und so ist es auch mit Shiatsu. Das Wesen von Shiatsu und Zen eröffnet sich uns nur in der Praxis – es zählt nicht, was wir tun, sondern wie wir es tun, also bemühen wir uns darum, es mit ganzem Herzen zu tun. Der Geist eines Bodhisattvas ist der Geist des Mitgefühls und wenn unser Geist mitfühlend ist, ist er grenzenlos.
Die Erfahrung von Akzeptanz und Einssein ist eine grundlegende Frucht der Zen-Praxis und kann das Geben von Shiatsu beeinflussen, bzw. kann das Ausüben und das Empfangen von Shiatsu, uns die Quelle der Weisheit erschließen. Herauszufinden was mein eigener Geist, mein eigenes Sein ist, ist Sinn und Zweck jeder Zen-Unterweisung und auch das Praktizieren von Shiatsu kann meiner Ansicht nach so gesehen werden.
Viele entscheiden sich für Zen, oder kommen zum Shiatsu, da sie viel Leid erfahren und nach einer Möglichkeit suchen, damit umzugehen. Wir beziehen drei Merkmale aus Buddhas Lehre: Leiden - Unser größter Schmerz ist der Schmerz der Trennung und Einsamkeit. Wir fühlen uns vergessen und getrennt von allem, in einem riesengroßen, kalten Universum. Vergänglichkeit - Das nächste Problem stellt sich uns in der Gewissheit, dass wir sterben müssen. Wir entwickeln viele Mechanismen, um den Tod zu verdrängen, aber unser Ichbewusstsein kann noch so viel Lärm machen, unsere Todesangst lässt sich nicht ins Abseits schieben. Fehlen eines Ich - Wenn wir beginnen einen spirituellen Weg zu gehen, beginnt unser Ich zu erkennen, dass es seiner Macht beraubt wird, es hängt sozusagen in der Luft. Die Ichebene schwindet, die spirituelle Ebene ist aber noch nicht gefestigt und so kann dieser Prozess mit diffusen Angstzuständen einhergehen.
Wenn wir beginnen, unsere Körper zu heilen und unser inneres Wissen zu äußern, müssen wir das kollektive, morphogenetische Feld aus Angst und Schmerz durchbrechen, das uns überall umgibt. Dazu brauchen wir Mut und die Unterstützung von anderen Menschen. Es ist heilsam zu erfahren, dass viele Menschen ähnliche Erfahrungen machen und dass es bei aller Angst nur um eines geht: uns aus der Bindung an das Ich zu befreien.
Unser Ich ist die Abgrenzung, die uns Form gibt. Es ist das was uns zur Person macht, damit das Göttliche durchscheinen kann. Dieses Ich ist absolut notwendig, es macht uns zum Menschen und ist koexistent mit dem anderen Aspekt der Wirklichkeit. Seine Existenz ist Voraussetzung für eine tiefere Erfahrung, aber, und das ist der entscheidende Punkt, das Ich muss auch zurücktreten können. Erst wenn dieses Zurücktreten des Ichs gelingt, und dieses Potential besitzen wir, kann sich der Mensch durch sein Tun der in ihm innewohnenden Kraft bewusst werden und so kann das Tun zum Tor der Erleuchtung werden.
Der Grund unseres Seins ist das immer gegenwärtige Jetzt und wir können dieses Jetzt erfahren, wenn wir achtsam sind. Im buddhistischen Sinn bedeutet Achtsamkeit eine ganzheitliche Wachheit und Offenheit. Die Übung der Achtsamkeit scheint wichtiger, als alle anderen, um in den Kontakt mit dem wahren Leben zu kommen.
Die eigentlich Qualität der Shiatsutherapie ist, aufmerksam für die Situation des Anderen zu sein, denn wir verlieren unser Gegenüber, wenn wir uns nur unseren eigenen Träumen und Wünschen zuwenden. Das Geben von Shiatsu gibt mir die Möglichkeit, Achtsamkeit zu üben und ganz im Hier und Jetzt zu sein. Jede Art von Meditation verfolgt diesen Zweck.
Soto-Zen betrachtet es nicht als richtig, Zazen zu üben um Satori (Erleuchtung) zu erlangen. Die Zazen-Übung im Hier und Jetzt, das ist Satori. Dieses Jetzt beinhaltet einen Moment und zugleich die Ewigkeit. Und nur in der absoluten Präsenz des Augenblicks ist es möglich, die Dinge so zu belassen, wie sie sind. Im Shiatsu schließt diesen Prozess Geber und Empfänger gleichsam ein und dringt vor bis zur alles umfassenden Einheit.
Der Schlüssel zur Achtsamkeit ist unser Atem. Eine freie und ruhige Atmung hängt von einer gelassenen Geisteshaltung und einer korrekten Haltung ab. Durch diese Haltung sind wir durch jede einzelne Zelle des Körpers hindurch aufnahmefähig, wir denken mit unserem Körper und Gegensätze heben sich auf.
Im Zen bemühen wir uns darum, unseren Anfängergeist zu bewahren. Wir gehen in unsere Übung als Anfänger, jeden Augenblick. Immer wieder sollten wir uns darum bemühen, mit staunendem Blick unsere Empfänger zu berühren, ganz so als wäre es das Allererstemal.
Der Anfängergeist hängt ab von der rechten (inneren) Haltung. Schüler des Soto-Zen sitzen zur Wand gewandt Zazen. Diese Haltung ist die Haltung des vollkommenen Vertrauens zu Buddha und letztendlich zu unserem eigenen Sein. In zusammengesunkener Haltung können wir nicht lange wach bleiben, das ist bei allen Aktivitäten so, auch beim Shiatsu. Das rechte Sitzen hängt, wie das rechte Knien und sich Bewegen im Shiatsu, vom Vorhandensein des rechten Schwerpunktes ab und dieser liegt im Hara. Seit jeher weiß der Osten um die existentielle Bedeutung von der Lehre des Hara.
Im Shiatsu können wir mit dem Einsatz unseres Hara bewusst wahrnehmen und nur so können wir die Dinge sehen wie sie wirklich sind. Das ist der wahre Zen-Geist, darin ist alles Geist, auch unsere Lebenskraft – Ki. Wahre geistige Hilfe bedeutet, den Menschen Ki zu geben.
Die Essenz des Shiatsu ist also die Begegnung zweier Menschen und einem Menschen kann ich nur wahrhaftig begegnen, wenn ich unvoreingenommen bin. Im letzten Abschnitt meiner Arbeit finden sich alle vorangegangenen Kapitel wieder, denn hier treffen wir auf jenes Element, das den Kern von Masunagas Zen-Shiatsu ausmacht – die Berührung. Die Art wie wir unsere Hände gebrauchen, enthüllt, was in unseren Herzen ist.
“Ich begebe mich auf die Suche, ich frage mich, wo sitzt deine Leerheit, dein Schmerz und deine Sorge? Und wo ist deine Kraft? Unsere Energien kommunizieren. Lebendiges Strömen. Spüre ich deine Erlebnisinhalte ganz so, als wenn es meine eigenen wären? Das ist ein Wunder. Du bist mein Spiegel, deine Einschränkungen sind die meinen und meine weisen auf die deinen. Einssein. So entfalten wir unser wahres Selbst.”