Shiatsu als unterstützendes Instrument bei der Beziehungsarbeit in der Schule
Von am 19.01.2009
Die Defizite in den Lebenssituationen der Kinder sind sehr vielfältig. Persönlichkeitsentwicklungsstörungen sind die Folge. Mangelnde Sozialerfahrungen, zu geringe Entfaltungsmöglichkeiten, wenig Gelegenheit zur Selbsttätigkeit und zum Spiel in freier Natur, unkontrollierter Medienkonsum, zu viel oder zu wenig Erfahrungen mit persönlichen Grenzen und viele belastende Familiensituationen.
Nach meinen Ausbildungen zur Sonderschullehrerin und Volksschullehrerin hatte ich das Gefühl, kaum Werkzeug zur Verfügung zu haben, um einen für mich sinnvollen Unterricht zu gestalten. Daher führte mich mein Weg zu den Ansätzen Maria Montessoris, die mich sehr begeisterten. Also machte ich noch eine Ausbildung am Institut für ganzheitliches Lernen, das sich sehr stark an der Montessoripädagogik orientiert.
Das Wissen daraus diente in der Folge als Basis für ein Konzept, das ich mit meinen zwei Kolleginnen, SOL Hundegger-Traweger Regina und Dipl.Päd. Tollinger Ines über mehrere Jahre entwickelt habe. Als ich 2005 mit der Ausbildung zum Dipl. Shiatsu Praktiker begann, ahnte ich sehr schnell, dass sich damit noch eine weitere Dimension für meine Arbeit auftat. Fast unmittelbar begann ich Elemente aus Shiatsu in den Schulalltag einfließen zu lassen und war begeistert über die positiven Entwicklungen!
In einem mehr als siebenjährigen Erfahrungszeitraum an einer, als Sonderpädagogisches Zentrum geführten Schule, haben wir in einem Team von drei Lehrerinnen versucht, mit unseren SchülerInnen einen anderen Weg einzuschlagen.
Das Ergebnis war (und ist) sehr überzeugend. Es ist gelungen, Kinder aus verschiedensten Lebenssituationen in den Lebensraum Schule zu integrieren, sie zu verantwortungsbewussten TeilnehmerInnen einer Schulgemeinschaft werden zu lassen, ihnen Freude am Lernen zu vermitteln, mit ihnen soziale Bindungen einzugehen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und sie in die Selbstständigkeit zu begleiten.
Ich habe an dieser Schule vor allem mit sehr altersheterogenen Kindergruppen gearbeitet, die sich auch in ihren Persönlichkeiten und Leistungen höchst inhomogen zeigten:
- Lernschwierigkeiten (Dyspraxie, Legasthenie, Dyskalkulie oder ähnliche Teilleistungsstörungen)
- Emotionale Probleme (kindliche Depression, Ticks und Zwänge, Distanzlosigkeit oder extreme Schüchternheit)
- Überdurchschnittlich hohes Aggressionspotential
- ADS und ADHS
Egal, welche Schwierigkeiten sich ergeben, für mich ist in jedem Fall der Aufbau einer guten Beziehungsebene die Basis jedes Lernens. Häufig fand ich mich Eltern gegenüber, die völlig verzweifelt waren, weil ihr Kind scheinbar am System kläglich scheiterte. "Was mache ich denn falsch?", "So etwas sieht er/sie doch bei uns nicht!", "Ich weiß nicht, wo er/sie das her hat!", "Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll!", ...
Selbst der Inspektor trat an mich mit dem Anliegen heran, ob ich noch ein weiteres Kind übernehmen könne. Er wisse sonst keinen Platz mehr, an dem er sich vorstellen könne, dass das Kind gut aufgehoben sei... Für mich stellten genau solche Situationen eine Herausforderung dar. Ich ließ mir immer ganz genau die Geschichte des Kindes (wenn möglich aus verschiedensten Perspektiven) erzählen, um mir ein Bild zu machen. Beim ersten Zusammentreffen mit dem Kind waren diese Informationen für mich aber zweitrangig. Ich begegnete jedem Kind mit der größtmöglichen Achtsamkeit und schaute, was passiert.
Im Normalfall sind solche Kinder schon sehr geprägt, frustriert und befinden sich in ständiger Kampfbereitschaft/Fluchtbereitschaft oder Unterwerfungsbereitschaft. Dadurch sind sie häufig völlig überrascht, wenn ihnen jemand plötzlich mit strahlendem Gesicht und großer Neugier entgegentritt. Schon die allererste Kontaktaufnahme (der aber schon viel an Vorarbeit zugrunde liegt), bildet den Grundstein für die Schaffung einer guten Beziehungsebene.
First impression goes a long way!
Mein Ansatz gestaltet sich so, den Kindern da zu begegnen, wo sie stehen. Wenn ich versuche, Kinder aus diesem Gesichtspunkt zu betrachten, komme ich immer wieder zur Grundlage jeglicher sozialer Kompetenzen: ein gutes Selbstgefühl! Und das ist genau das, woran es Kindern heutzutage immer mehr fehlt. Je nach Persönlichkeit, entwickelt ein Kind unterschiedliche Strategien, ein mangelndes Selbstgefühl zu kompensieren: Aggressionen nach außen oder gegen sich selbst, Depressionen, Isolation, Distanzlosigkeit, Sprachentwicklungsstörungen, ...
Folglich kann mein erster Ansatzpunkt nur dieses Selbstgefühl sein. Was würde sich nun besser anbieten, um die Wahrnehmung seines eigenen Selbst zu schulen, als Shiatsu? So kann ich Kinder im Hinblick darauf beobachten und entsprechend fördern:
- Welche Elemente befinden sich bei einem höchst aggressiven Kind im Ungleichgewicht? Das Holzelement? Im speziellen die Leberenergie? Oder das Metallelement? Kennt das Kind keine Grenzen?
- Welche Elemente befinden sich bei einem sehr distanzlosen Kind im Ungleichgewicht? Das Metallelement? Hat das Kind kein natürliches Nähe-Distanzverhalten?
- Welche Elemente befinden sich bei einem extrem schüchternen Kind im Ungleichgewicht? Das Wasserelement? Hat das Kind keinerlei Urvertrauen? Oder das Feuerelement? Fehlt es dem Kind an Shen?
- Welche Elemente befinden sich bei einem hyperaktiven Kind im Ungleichgewicht? Das Wasserelement? Kann das Kind nicht entspannen? Das Metallelement? Fehlt es ihm an klarer Struktur?
Daraus resultierend kann man mit gezielten Übungen/Spielen das entsprechende Ungleichgewicht einer Balance annähern. Genau diese Aspekte bildeten die Grundlage für meine Abschlussarbeit zum Dipl. Shiatsu Praktiker.